Amsterdam hält jede Menge versteckte Kleinodien für die bereit, die mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt ziehen. Zu diesen Kostbarkeiten, die man sich nicht entgehen lassen sollte, gehört die Hauskirche „Ons‘ Lieve Heer op Solder“, zu Deutsch „Unser lieber Herr vom Dachboden“.
Tatsächlich habe ich die kleine Kirche nicht im Stadtführer entdeckt oder an ihrem Turm erkannt – einen solchen gibt es nämlich gar nicht -, sondern zufällig von einem deutschen Touristen den Tipp bekommen, dass es das Kirchlein gibt und wo es zu entdecken ist.Das Besondere der Kirche: Sie befindet sich im Dachboden des Wohnhauses eines Amsterdamer Kaufmanns. Der gesamte Gebäudekomplex ist heute ein Museum und kann besichtigt werden.
Da stellt sich sicherlich schnell die Frage: Wieso richtet man eine Kirche auf einem Dachboden ein?
Zur Geschichte der Kirche
Nachdem die Protestanten Ende des 16. Jahrhunderts in Amsterdam die Macht übernahmen, gingen die offiziellen Kirchengebäude an diese über. Die katholische Bevölkerung durfte in den bisherigen Kirchen keine Gottesdienste mehr feiern und auch keine eigenen Kirchengebäude errichten. In der folgenden Zeit feierten die Katholiken in Amsterdam – immerhin etwa 20 % der Bevölkerung – in Privathäusern Gottesdienst und richteten dort auch kleine Kirchen ein. Rund 40 dieser Kirchen wurden im 16. und 17. Jahrhundert in Amsterdam eingerichtet. Eine davon ist „Ons‘ Lieve Heer op Solder“. Die Kirche wurde in den folgenden Jahrhunderten gemäß dem Zeitgeschmack auch umgestaltet. Die heutige Ausgestaltung stammt aus dem 19. Jahrhundert.
Die übrigen Räume des Hauses wurden im Stil des 17. Jahrhunderts wiederhergestellt, sodass man einen guten Eindruck gewinnt, wie erfolgreiche Kaufleute zur damaligen Zeit lebten.
Das gibt es zu sehen
In den unteren Etagen des aus drei Häusern bestehenden Gebäudekomplexes kann man das Wohnhaus des Kaufmanns Jan Hartmann besichtigen. Zu sehen gibt es unter anderem ein Wohnzimmer (mit Alkoven zum Schlafen), einen Saal. in dem Gäste empfangen wurden sowie Küchen und Vorratsräume.
Die Kirche selbst befindet sich im obersten Stockwerk und den beiden darüber liegenden Dachböden und erstreckt sich über drei Häuser. Um sie einzurichten, gab Jan Hartmann die Lagerflächen auf, die es dort oben ursprünglich gab. Beeindruckend sind die beiden Galerien, die aus den Böden der Dachetagen gearbeitet wurden und an Eisenstreben aufgehängt wurden. Nach üblichen Muster ist die Kirche in mehrere Bereiche für die Gläubigen unterteilt: Während die Galerien und die bestuhlten Bereiche für die wohlhabenden Gemeindemitglieder vorbehalten, gibt es im hinteren Bereich einfache Bänke und Stehbereiche für das ärmere Kirchenvolk.
Unbedingt beachten: Neben dem Altar gibt es einen Monitor. In einem Video wird dort gezeigt, dass sich in dem scheinbar aus Marmor gefertigten Alter (es handelt sich eigentlich um Holz) eine Kanzel versteckt, die mit ein paar Handgriffen „ausgefahren“ werden kann.
Auf der ersten Galerie wurde auch eine Orgel installiert. Der Strick, der hinter der Orgel von der Decke hängt, hat allerdings nichts mit eine Kirchenglocke zu tun, wie man vielleicht vermuten könnte. Es handelt sich vielmehr um ein Überbleibsel des „Lastenaufzugs“ mit dem vor dem Bau der Kirche die Waren des Kaufmanns auf den Dachboden befördert wurden.
Umrundet man den Altar der Kirche, gelangt man in die Priesterwohnung, die Jan Hartmann einrichten ließ. Dort wurde dauerhaft ein Priester untergebracht, der einen eigenen Wohn-/Schlafraum hatte. Über eine eigene Treppe konnte er ins Stockwerk darüber gelangen, wo neben der Sakristei auch ein Beichtstuhl eingerichtet war.
Tipps
Der Eingang in das Museum liegt in einem Nebengebäude, das tatsächlich sogar durch eine Gasse von der eigentliche Gebäudegruppe getrennt liegt. Während die Kasse im Erdgeschoss des Nebengebäudes zu finden ist, liegt der Übergang zum Kaufmannshaus im Keller. Dort bekommt man auch einen kostenlosen Audioguide – absolut empfehlenswert, weil alle Räume ausführlich erklärt werden und auf der Beschilderung kaum Infos zu den Räumen zu finden sind.
Ich rate unbedingt, wirklich jede Ecke zu erkunden, manche Durchgänge sind eng und kurvige Treppchen scheinen erst einmal unzugänglich. Aber wo keine Absperrung den Durchgang verbietet, gibt es eigentlich auch immer etwas zu entdecken.
Das Gebäude ist leider nicht behindertengerecht. Aufgrund der sehr engen Treppen und steilen Stufen können Personen, die nicht ausreichend mobil und trittsicher sind, Schwierigkeiten haben, alle Räume zu erreichen. Kinderwägen können nicht mitgenommen werden, auch mit sehr kleinen Kindern ist es schwierig, die engen, steilen Treppenhäuser zu überwinden.
Von Vorteil ist, dass der Weg durch die Gebäude in weiten Teilen als Einbahnstraße angelegt ist und man selten dem Gegenverkehr ausweichen muss.
Übrigens: Wer auf der Suche nach einem kleinen Snack ist, dem kann ich das Museumscafé im ersten Stock des Eingangsgebäude empfehlen. Es gibt dort kalte und warme Getränke, Kuchen (natürlich auch Apfelkuchen) und kleine Gerichte wie beispielsweise Sandwiches. Und das alles zu einem vernünftigen Preis.
Wo?
Amsterdam, Oudezijds Voorburgwal 38
Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr
Ticketpreise
Erwachsene: 16,95 Euro
Kinder von 5 bis 17 Jahre: 7,50 Euro
Kinder bis 4 Jahre: frei
Darüber hinaus gibt es verschiedene Varianten einer Familienkarte.
Das Museum ist in der I amsterdam City Card enthalten und für Karteninhaber kostenfrei zu besuchen.
Website
https://www.opsolder.nl/de
