Auf der Veste war ich inzwischen mehrfach, in der Coburger Innenstadt dagegen bislang nur einmal. Meinen ersten Eindruck von der Festung habe ich deshalb nie von unten aus der Stadt gewonnen, sondern immer von den Aussichtspunkten entlang der Straße, die sich in Kurven zur Veste hinzieht. Startpunkt ist einer der größeren Parkplätze nahe des Flugplatzes, von dem aus es noch ein ganzes Stück zu Fuß weitergeht, erstaunlicherweise erst einmal bergab, bevor es am Ende wieder hinauf zur Festung geht. Der Weg lohnt sich, so viel vorweg: Er bietet einen wunderbaren Blick auf de Festungsanlage und oben erwarten dich nicht nur imposante Mauern, sondern auch ein Museum, das es an Umfang und Qualität durchaus mit größeren Häusern aufnehmen kann.


Eine Burg mit vielen Gesichtern
Die Veste Coburg wird, je nach Quelle, seit dem 11. oder 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Eine steinerne Burg auf dem Festungsberg ist jedenfalls für das Jahr 1225 belegt, in diese Zeit fallen auch die baulichen Anfänge der heutigen Anlage. 1353 fiel die Veste an das Haus Wettin und wurde in den folgenden Jahrhunderten wegen ihrer strategischen Lage zu einer fast uneinnehmbaren Festung ausgebaut – nicht ohne Grund trägt sie den Beinamen „Fränkische Krone“.
Wer sich mit Reformationsgeschichte beschäftigt, kennt die Veste vermutlich auch aus einem ganz anderen Zusammenhang: Martin Luther verbrachte hier 1530 mehrere Monate im Exil, während in Augsburg über die Confessio Augustana verhandelt wurde. Da wundert es nicht, dass man ihm in der Festung immer wieder begegnet, beispielsweise in Fenstern und Bildern.



Von 1909 bis 1923 wurde die Veste unter der Leitung des Architekten Bodo Ebhardt umfassend saniert und umgestaltet – ein Eingriff, der das heutige, sehr geschlossene Erscheinungsbild der Burg wesentlich geprägt hat. Wer durch die Torhäuser in den ersten und zweiten Burghof tritt, bekommt einen guten Eindruck davon, wie viele Bauepochen hier ineinandergreifen: vom hochmittelalterlichen Kern mit Blauem Turm, Bergfried und Kapelle bis zu den späteren Wehrbauten.
Historische Zimmer und Kunstschätze
Im Inneren der Veste warten die Kunstsammlungen, die zu den bedeutendsten kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen Deutschlands zählen. Sie gehen größtenteils auf die Sammelleidenschaft der Coburger Herzöge zurück, die 1839 unter Herzog Ernst I. erstmals Räume der Öffentlichkeit zugänglich machten.
Beeindruckend sind vor allem die Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren sowie Werke alter deutscher Meister wie Dürer, Grünewald und Holbein. Dazu kommen Skulpturen von Tilman Riemenschneider, ein Kupferstichkabinett, eine Waffen- und Glassammlung sowie kostbares venezianisches Glas. Die historischen Wohn- und Repräsentationsräume im Fürstenbau vermitteln zudem einen guten Eindruck davon, wie fürstlich hier gelebt wurde – von schweren Holzvertäfelungen bis zu aufwendig gestalteten Decken.
Der Marstall: Kutschen mit Weltrang
Wer den Marstall der Veste besucht, sollte sich Zeit nehmen. Hier steht unter anderem die Hochzeitskutsche des Coburger Herzogs Johann Casimir, um 1560 im dänischen Kolding gefertigt – sie gilt als die älteste vollständig erhaltene Kutsche der Welt. Zusammen mit einer weiteren Kutsche aus dem 16. Jahrhundert zählt sie zu den beiden ältesten noch funktionstüchtigen Kutschen Europas. Dazu kommen Schlitten und Prunkwagen, die einen anschaulichen Einblick in höfische Fortbewegung vergangener Jahrhunderte geben.

Eine Überraschung im Keller: der Coburger Elektrowagen
Bei meinem letzten Besuch der Festung habe ich selbst eine Überraschung erlebt, als ein freundlicher Museumsangestellter mich nach dem Besuch des Marstalls darauf hinwies, dass es im Keller (einige Treppen hinab) noch etwas Besonderes zu sehen gäbe: ein Elektroauto. Da stellt sich sicherlich schnell die Frage: Was hat ein Elektroauto im Keller einer mittelalterlichen Festung zu suchen? Die Antwort führt zurück ins Jahr 1888. Der Coburger Maschinenbauer Andreas Flocken baute damals ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug, das heute als das erste vierrädrige Elektroauto der Welt gilt – lange bevor sich der Verbrennungsmotor durchsetzte. Der „Flockenwagen“ wog rund 450 Kilogramm, sein Elektromotor leistete etwa 0,8 Kilowatt, die Höchstgeschwindigkeit lag bei 15 km/h, die Reichweite bei etwa 20 Kilometern.
Mehr als 135 Jahre nach seiner Erfindung wurde eine originalgetreue Rekonstruktion des Flockenwagens auf der Veste öffentlich vorgestellt. Grundlage waren historische Zeitungsberichte, alte Fotografien und umfangreiche Materialsammlungen; die Umsetzung übernahm die Experimentalplattform MakingCulture e.V. Ich rate unbedingt, sich für diesen Teil des Rundgangs etwas Zeit zu nehmen – die Verbindung aus mittelalterlicher Festung und automobiler Pioniergeschichte ist auf den ersten Blick ungewöhnlich, aber genau deshalb die zusätzlichen Treppenstufen wert.
Außenbereiche und Ausblick
Auch außerhalb der Museumsräume lohnt sich der Rundgang: Die beiden Burghöfe, die Wehrgänge und der Blaue Turm bieten immer wieder neue Blickachsen auf die Stadt Coburg und das Umland bis hinüber zu den Schlössern in Thüringen. Gerade an klaren Tagen ist der Ausblick von den Wällen einer der Gründe, warum sich der Aufstieg zur Veste auch für alle lohnt, die weniger an der Kunstsammlung, dafür mehr an Architektur und Landschaft interessiert sind.
Kurz zur Gastronomie
Wer nach dem Rundgang eine Pause braucht, findet in der Burgschänke auf der Bastion „Bunter Löwe“ eine Einkehrmöglichkeit direkt auf der Veste. Von der Terrasse reicht der Blick weit über Coburg – ein angenehmer Ort für eine Stärkung mit deftiger, regionaler Küche, bevor es wieder hinunter in die Stadt geht. Bei schlechtem Wetter kann es drinnen schnell mal eng werden.
Das sogenannte Burgcafé dagegen ist nicht zu empfehlen. Es handelt sich lediglich um einen Aufenthaltsbereich mit Sitzgelegenheiten und einigen Verkaufsautomaten. Da gibt es auf jeden Fall anderswo Besseres.
Tipps für den Besuch
Für den Weg auf die Veste gibt es mehrere Möglichkeiten: zu Fuß vom Schlossplatz durch den Hofgarten, ein nicht unanstrengender Spaziergang von mindestens 30 Minuten bergauf, oder mit dem Auto bis zu einem der größeren Parkplätze in der Nähe, etwa an der Brandensteinsebene beim Flugplatz – von dort ist es auch noch ein gutes Stück zu Fuß bis zum Tor, allerdings ist die Steigung beim Rückweg nicht ganz so groß. Wer nicht gut zu Fuß ist, fährt besser mit dem Bus von der Innenstadt zur Festung: Linie 5 verkehrt regelmäßig zwischen Theaterplatz, Hauptbahnhof und Veste, die Haltestelle liegt knapp unterhalb des Tores. Auch von dort geht es die letzten Meter nur noch zu Fuß weiter.
Wer die Kunstsammlungen in Ruhe erkunden möchte, sollte für den kompletten Rundgang durch Fürstenbau, Marstall und Sonderausstellung gut zwei bis drei Stunden einplanen. Für Besucherinnen und Besucher mit eingeschränkter Mobilität sind einzelne Bereiche der Anlage aufgrund der historischen Bausubstanz nur eingeschränkt zugänglich; ein Blick auf die Hinweise zur Barrierefreiheit auf der Museumswebsite vor dem Besuch ist deshalb sinnvoll.
















