Schon bei meinem ersten Dresden-Besuch vor einigen Jahren stand die Semperoper auf meiner Liste. Damals gab es allerdings nur eine Nachtführung, weil tagsüber für eine Neuinszenierung geprobt wurde – im Halbdunkel ließ sich kaum etwas fotografieren, in den Zuschauerraum konnte man gar nicht und vom Haus blieb nur ein vager Eindruck. Bei meiner jetzigen Reise habe ich die Semperoper deshalb ganz bewusst am Tag besucht. Dabei ist mir erneut aufgefallen, wie sehr die geschwungene Sandsteinfassade mit den umliegenden Bauten am Theaterplatz zu einem einzigen, beeindruckenden Ensemble verschmilzt.
Was auf den ersten Blick wie ein durchgängiges historisches Bauwerk wirkt, ist in Wahrheit ein Haus, das gleich zweimal fast vollständig verloren ging und wiederaufgebaut werden musste. Bei einer Führung durch die Semperoper wird schnell klar: Hinter der prachtvollen Fassade steckt nicht nur Architekturgeschichte, sondern auch eine Menge Beharrlichkeit – und ganz viel Neues.

Ein Haus, das immer wieder neu entstand
Die Geschichte des Opernhauses beginnt 1841, als Gottfried Semper das erste Königliche Hoftheater am Theaterplatz fertigstellte. Doch der Bau stand unter keinem guten Stern: Schon 1869 legte ein Brand das Gebäude in Schutt und Asche. Den Wiederaufbau übernahm Gottfried Sempers Sohn Manfred Semper, der 1878 das zweite Opernhaus eröffnete – jenes Gebäude, das bis heute das Stadtbild prägt, auch wenn längst nicht alles, was so scheint, wirklich aus dieser Zeit stammt. Denn: Am 13. Februar 1945 wurde die Semperoper bei den Luftangriffen auf Dresden schwer zerstört.
Kurios: Das Haus hatte schon am 31. August 1944 kriegsbedingt geschlossen, die letzte Vorstellung vor der Zerstörung war Carl Maria von Webers „Der Freischütz“. Nach Sicherungsarbeiten in den Nachkriegsjahren begann 1977 unter der Leitung von Wolfgang Hänsch der originalgetreue Wiederaufbau nach Gottfried Sempers Plänen. Am 13. Februar 1985 – auf den Tag genau 40 Jahre nach der Zerstörung – öffnete die Semperoper wieder ihre Türen. Gespielt wurde, wie könnte es anders sein, „Der Freischütz“.

Scheinarchitektur: Wenn Marmor nicht Marmor ist
Was mich beim Rundgang durch die Foyers am meisten überrascht hat – und die ganze Gruppe sichtlich ebenso: Ein Großteil der prachtvollen „Marmor“-Säulen und -Wände im Haus besteht gar nicht aus echtem Stein. Man hörte förmlich das kollektive Erstaunen, als unsere Führerin erklärte, dass hier getrickst wurde, und noch mehr, als klar wurde, dass das kein Einzelfall im Haus ist. Es handelt sich um Stuckmarmor beziehungsweise Scagliola – eine Technik, bei der eine Gips- oder Putzmasse so bearbeitet wird, dass sie täuschend echt wie polierter Marmor wirkt. Diese Form der Scheinarchitektur hat in Dresden Tradition, ihre Wurzeln reichen über den Barock bis in die Spätantike zurück. Beim Wiederaufbau ab 1977 war das Wissen um Stuckmarmor und Stucco lustro in Deutschland fast verloren gegangen; ein einzelner Handwerker musste die Technik neu vermitteln, damit die Säulen und Wandflächen originalgetreu nachgebildet werden konnten.


Auch die Deckenmalereien in den Foyers und Wandelgängen folgen diesem Prinzip der Illusion: Grotesken, gemalte Nischen und Ornamente lassen Räume plastischer und tiefer erscheinen, als sie tatsächlich sind. Die Ausmalung greift dabei antike und Renaissance-Vorbilder auf – passend zum architektonischen Grundkonzept Sempers, das sich stark an der italienischen Renaissance orientiert.

Kleine Details zum Schmunzeln
Zwei Kleinigkeiten sind mir bei meinem Besuch besonders aufgefallen, an denen man vorbeilaufen würde, wenn man nicht genau hinsieht. Und gleich das erste Detail hat mich richtig zum Schmunzeln gebracht.
Im Zuschauerraum, oberhalb der Bühne, hängt eine ungewöhnliche Uhr mit zwei Anzeigefeldern: Das eine zeigt die Stunde als römische Ziffer, das andere die Minuten in Fünfer-Schritten. Diese sogenannte Fünf-Minuten-Uhr wurde bereits 1841 vom Dresdner Hofmechanikus Friedrich Gutkaes konstruiert – ursprünglich, damit die Zuschauer nicht mehr während der Vorstellung ihre tickenden Taschenuhren aufklappen mussten, um nach der Zeit zu sehen. Eine erstaunlich frühe Lösung für ein sehr modernes Problem: störende Blicke aufs eigene Zeitmessgerät.

Und dann gibt es da noch ein typografisches Detail, das einem ins Auge springt, wenn man die Beschriftungen über den Türen zum Zuschauerraum genauer betrachtet. Ein einfaches Ü mit Punkten schien hier zu banal. Daher ließ man sich eine besondere Variante von UE einfallen, bei dem das E einfach im U versenkt wurde. Für all jene, die ihre Freude an Typografie haben, ist das auf jeden Fall ein schöner Hingucker.

Vor den Brettern, die die Welt bedeuten
Auf die Bühne kommt man bei der Führung in der Semperoper leider nicht, aber den Zuschauerraum kann man sich genau ansehen. Wer die Möglichkeit hat, dort einen Blick hinein zu werfen, sollte sich Zeit für die aufwendig gestalteten Ränge nehmen. Die Logen sind mit Girlanden, Masken und Porträtmedaillons verziert, die zentrale Kuppel trägt ein Deckengemälde mit mehreren Bildfeldern rund um den großen Kronleuchter. Beeindruckend ist vor allem, wie viele unterschiedliche Ränge sich übereinanderstapeln – ein Raum, der trotz seiner Größe erstaunlich intim wirkt.


Tipps für den Besuch
Ohne Führung kommt man nur zu einer Vorstellung in die Semperoper. Die Führungen finden nahezu täglich statt, richten sich aber nach Proben- und Vorstellungsplan; an Tagen mit Endproben oder Premieren kann es sein, dass weniger oder gar keine Führungen angeboten werden. Die Semperoper hat unter www.semperoper-erleben.de eine eigene Website, auf der man sich über Termine informieren und auch Führungen vorab buchen kann. Wer fotografieren möchte, sollte am Einlass eine Fotolizenz erwerben. Für einen Opernbesuch selbst empfiehlt sich, Karten frühzeitig zu buchen – gerade beliebte Vorstellungen sind oft schon Wochen vorher ausverkauft.
