Auf kaum einem anderen Platz Europas liegen drei Weltreligionen so nah beieinander wie auf dem Széchenyi tér in Pécs und seiner unmittelbaren Umgebung. Nur wenige Schritte trennen die ehemalige Moschee von der Synagoge der Stadt – dazwischen und darum herum: Kirchen, so weit das Auge reicht. Genau dieses Nebeneinander hat mich bei meinem Besuch in Pécs sehr beeindruckt, und kein Ort bringt es so anschaulich auf den Punkt wie die Dzsámi, die ehemalige Moschee von Gázi Kászim Pascha.

Zwischen Halbmond und Kreuz: eine wechselvolle Geschichte
Wo heute die Dzsámi steht, stand im Mittelalter die St.-Bartholomäus-Kirche. Als die Osmanen Pécs 1543 eroberten, wurde die alte Kirche abgerissen und aus ihren Steinen zwischen 1543 und 1546 eine Moschee errichtet – benannt nach Gázi Kászim Pascha, dem Anführer der türkischen Truppen. Nach der christlichen Rückeroberung 1686 dauerte es noch einige Jahrzehnte, bis das Gebäude 1702 offiziell wieder kirchlich genutzt wurde; die Jesuiten ließen das Minarett abtragen und weihten den Bau 1766 endgültig der Gyertyaszentelő Boldogasszony, der Lichtmess-Jungfrau Maria. Seine heutige Form erhielt das Gebäude erst 1939/40, als der Architekt Nándor Körmendy es um ein halbrundes Kirchenschiff erweiterte. Ihm war wichtig, dass alt und neu klar erkennbar bleiben – kein nachträglicher Anbau sollte den ursprünglichen osmanischen Bau überdecken, sondern ihn erst richtig zur Geltung bringen. Genau das prägt bis heute den Eindruck im Inneren.
Warum der Weg nach oben durch die Tiefe führt
Ein Hinweis vorab, der mir den Besuch erleichtert hätte: Man betritt die Dzsámi nicht einfach durch ein Portal am Platz, wie man es erwarten würde. Der Eingang liegt auf der Südseite, zum Széchenyi tér hin, aber unterhalb des Platzniveaus, wo es ein kleines, 2015 eröffnetes Besucherzentrum gibt. Von dort führt der Weg zunächst durch einen Gang unter der Kirche, in dem multimediale Stationen und ein kurzer Animationsfilm die wechselvolle Umbaugeschichte des Gebäudes erklären. Erst danach gelangt man in die Krypta, die im 18. Jahrhundert unter der Kirche angelegt wurde und heute unter anderem eine kleine Friedhofskapelle mit einem Mariä-Himmelfahrt-Fresko sowie eine Gedenktafel für die Pfarrer der Kirche birgt. Von der Krypta aus geht es schließlich über eine Treppe hinauf – erst hier betritt man den eigentlichen Kirchenraum mit Kuppel und Mihrab.

Wer auf einen Rollstuhl angewiesen ist: Auf der Nordseite gibt es einen zweiten, barrierefreien Zugang mit Rampe: Er muss allerdings am Haupteingang (Südseite) telefonisch angefragt werden, die Nummer hängt dort aus. Im Inneren überwindet ein Treppenlift die Stufen zur Krypta.
Wo sich zwei Welten unter einer Kuppel begegnen
Von außen fällt zuerst die grüne Kuppel auf, die von Halbmond und Kreuz gemeinsam gekrönt wird – ein Bild, das man so selten sieht. Sie sitzt auf einem achteckigen Tambour über dem quadratischen Grundriss der ursprünglichen Moschee, ganz in der osmanischen Bautradition.


Auch von außen sucht man vergeblich nach einem klassischen Kirchturm: Das Minarett wurde ja im 18. Jahrhundert abgetragen, und einen neuen Turm gab es lange nicht. Stattdessen steht an der nordöstlichen Seite ein auffälliges, freistehendes Glockengerüst aus Metall – im Ruhezustand gerade einmal fünf Meter hoch, hebt es sich beim Läuten auf bis zu dreizehn Meter. Ein technisches Kuriosum, das der Architekt Zoltán Bachman entworfen hat, und ein Foto-Moment, den man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man zur richtigen Zeit dort ist.

Im Inneren ist es dann vor allem der Kontrast, der bleibt: Die Kirche besteht spürbar aus zwei unterschiedlichen Hälften. Auf der einen Seite der quadratische, kuppelüberwölbte Kernbau der alten Moschee mit seinen kielbogigen Fenstern und stalaktitenartigen Wölbungen am Übergang zwischen Wand und Kuppel. Auf der anderen Seite das 1939/40 angebaute halbrunde Kirchenschiff mit dem Altar. Beide Teile sind bewusst unterschiedlich gestaltet und leicht voneinander abgesetzt – man merkt beim Durchschreiten deutlich, dass man einen historischen Bruch überquert, und genau das macht den Raum so besonders.
An der Südwand ist außerdem noch der Mihrab erhalten, die Gebetsnische, die einst nach Mekka wies. Rundherum lassen sich an mehreren Wandstellen kalligraphische Koranzeilen entdecken, dazu zwei Waschbecken, die einst zum Bad des Paschas gehörten.

Ein wunderbares Detail zum Schluss: Die Orgel im Altarbereich stammt aus der berühmten Pécser Angster-Orgelmanufaktur. Interessant ist die Verbindung zur Synagoge – Josef Angster, der Firmengründer, baute seine allererste größere Orgel 1869 für die jüdische Gemeinde von Pécs, bevor er sich mit seiner Werkstatt europaweit einen Namen machte. Ein kleines, aber schönes Beispiel dafür, wie eng die religiöse Geschichte dieser Stadt tatsächlich verwoben ist.

Tipps
- Rechnet für den Besuch mindestens 30 Minuten ein, wenn ihr die Multimediestationen und den Film in der Krypta anschaut, dann eher mehr. Die Kirche ist zwar nicht riesig, aber es gibt viel zu entdecken.
- Da es sich um einen sakralen Ort mit regelmäßigen Gottesdiensten handelt, kann der Besuch während Messzeiten eingeschränkt sein.
- Wer ohnehin die Kathedrale von Pécs besuchen möchte, sollte nach einem Kombiticket fragen – das lohnt sich meist.
- Für alle, die tiefer in die religiöse Geschichte der Stadt eintauchen möchten: Die Synagoge von Pécs liegt nur wenige Gehminuten entfernt und ist ebenfalls einen Besuch wert.


